Emotionaler Exhibitionismus – wie pinkelst du?


Das Spiel mit der Intimität - emotionaler Exhibitionismus bei Facebook, Twitter & Co.

Das Spiel mit der Intimität - emotionaler Exhibitionismus bei Facebook, Twitter & Co.

Möchte ich wirklich wissen, wann Britney Spears pinkelt – sit venia verbo – oder sich mit Lady Gaga – Pardon, ich meinte natürlich @Ladygaga – trifft? Sind wir derart von Sensationsgeilheit in Bann gezogen? Sind wir so verzweifelt und wünschen, dass auch Stars und Sternchen ganz normale Dinge tun, keine Übermenschen, keine besseren Menschen sind? Wir wollen einen ganz normalen Otto Normalverbraucher sehen. Wir wollen sehen, dass auch Hollywoodstars so wie du und ich sind.  

Im Sog von Twitter

Die neue Modedroge am Bildschirm heißt Twitter. Aber nein, ich möchte mich jetzt nicht selbst als Klugscheißer(in) outen, denn ich habe mich ja selbst in die Fesseln Twitters geworfen und freiwillig versklavt. Grenzt geradezu nur an gedanklichen Masochismus!  

Ein Lego-Baukasten aus Buchstaben

Doch was passiert mit unserer Kommunikation, mit unserer Sprache? Was passiert mit dem, was uns vom Tier unterscheidet? Was wird aus Gedanken, die sich in Wörter und Buchstaben kleiden? Buchstaben werden nur in einen Lego-Baukasten geschmissen, aus dem wir tagtäglich aufs Neue Gesülze zusammenbasteln können. Manche benützen Twitter so wie das Gespräch am Gartenzaun mit der Nachbarin; aber manche lassen auch gleich die Haustür soweit offen, damit man Intimitäten mitbekommt, die nicht für jedermanns Ohr gedacht sind.  

Ich glaub, du hast ‚nen Vogel! – Na und … mein Vogel, der twittert halt gern!

Den lieben langen Tag sitze ich wie ein Vögelchen im Käfig. Vor mir recken Buchstäbchen ihre Köpfchen aus der Einstreu hervor. Ja, ich fühle mich zurecht im Käfig gefangen, in dem ich nur frech vor mich hin mal mehr, mal weniger Nützliches vor mich hintwittern darf.  

Ich bin bei Facebook– holt mich hier raus!

Kommunikation verliert ihren zielgerichteten Charakter. Wir speisen unseren Status mit mal mehr und mal weniger intimen Dingen. Die Frage ist nur: Wen interessiert’s? Mich zumindest interessiert‘s nicht, wenn ich meinem Facebook-Konto an einem Sonntagmorgen lesen darf, wo sich User Max Mustermann nachts herumgetrieben hat oder was er auch aufgrund zu hohen Alkoholgenusses von sich gegeben hat. Zugern hätte ich oftmals meinen Senf dazu abgegeben und ein „Wen interessiert’s“ darunter gesetzt. Vielleicht interessiert sich ja einmal der zukünftige Chef für die Partybilder von letzter Nacht, die Max M. mit Stolz auf seiner Pinnwand an die große Glocke hängen musste. Denn für alle diejenigen, dies noch nicht wussten: Facebook-Konten löscht man vergeblich. Zu Recht also: Ich bin bei Facebook – holt mich hier raus!  

Ein bisschen Gedankenmüll schadet nie

Wie eine Rund-E-Mail senden wir unsere Gedanken aus. Wir müllen ganze Twitterwände und Facebook-Accounts mit dem nutzlosen Buchstabenabfall zu. Wir belästigen andere mit unserer gedanklichen Kotze – Verzeihung – und warten auf eine Rückmeldung… Irgendeine… und sei es nur ein „I like“ unseres hochverehrten, vergötterten Facebook-Freundes. Danach fühlen wir uns gekräftigt und stark. Voller Selbstbewusstsein können wir endlich sagen: „Ja, seht her, auch ich habe Freunde“. Freunde in einem virtuellen Netz, das einem vorgaukelt, Freunde zu haben.  

Ich würde das Spiel mit der Intimität ganz einfach so nennen: Emotionalen Exhibitionismus!

Werbeanzeigen

Über Kathrin

passionierte Liebhaberin der Sprache und ihrer Mythen
Dieser Beitrag wurde unter Sprache & Gesellschaft abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Emotionaler Exhibitionismus – wie pinkelst du?

  1. Curt Sonne schreibt:

    Exhibitionismus ist krankhaft. Krank ist eine Abweichung von einer Normalität. In Deiner Argumentation aber ist die allgegenwärtige (freiwillige) Aufweichung der Privatsphäre Normalität.
    Daher ist der Begriff Exhibitionismus nicht anwendbar.

    „Emotional“ finde ich auch deplaziert. Emotional setzt im Kern ja ein Mangel an Rationalität voraus. Aber diese ganzen digitalen Identitäten irgendwelcher öffentlichkeits heischenden oder geltungssüchtigen Menschen werden ja aus stumpfen Kalkül geführt. Im besten Falle chrematistisch bedingt, weil dem Gemeinen ersichtlich, im schlechteren Fall aus Narzissmus oder Profilneurose.

    Was mich stört an der ganzen Diskussion ist dieser pathologische Aspekt. Als ob man etwas verlieren würde (eine sowieso nicht existente Hochkultur vielleicht oder die Qualität persönlicher Beziehungen?).
    Ich denke, bei jeder neuen revolutionären Erfindung braucht es eine Zeit, bis sich atomare Bestandteile der Bevölkerung (vulgo „der Gemeine“) und auch die Gesellschaft als Ganze an die Erfindungen gewöhnt hat. Dazu gehört es für die Menschheit anscheinend, alle Konsequenzen dieser Erfindung auch mal auszuprobieren. Gruß an Onkel Schumpeter.
    Als Resultat wird auf der größeren Ebene der Gesetzesgeber und das Kapital das Internet schon in dem Gemeinen umgängliche Formen sperren.
    Und auf der Mikroebene wird jeder selber nach einigen Erfahrungen lernen, was „richtig oder falsch“ ist.

    Unredigiert,

  2. happy-buddha schreibt:

    Verstehe ich das richtig, es nervt wenn sich Menschen digital prostituieren ?

    • Kathrin schreibt:

      Also mich nervt es explizit bei Facebook. Bei Twitter denke ich, dass das nochmal was anderes ist. Facebook ist allerdings ein viel persönlicheres Netzwerk, in dem vor allem Freunde vertreten sind.
      Und Twitter zielt ja gerade darauf ab, dass man anderen Menschen mitteilt was man gerade tut. Bei Twitter ist dieses Geltungsbewusstsein noch nicht derart offensichtlich. Zumindest denke ich das.

      Digitale Prostitution würde ich es noch nicht ganz nennen. Aber ich finde, dass es einfach Dinge gibt, die einfach niemanden was angehen, die nur vor Geltungsbewusstsein geradezu strotzen.

      • happy-buddha schreibt:

        *g* bei mir ist es genau umgekehrt. Auf Twitter lese ich manchmal Tweets wo ich aus dem Staunen nicht mehr raus komme. Facebook ist mir noch etwas „neu“.

        Digitale Prostitution darum, da einige langsam an ihre Grenzen gehen um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Egal ob Twitter, Blog, Facebook.

  3. JOSE schreibt:

    Come on! Show us more… emotions! 😉

    Continue writting, you do it really good!

    Peace & Love

  4. Lydia Young schreibt:

    Just to let you know that I got a hyperlink to your post from Themelis Cuiper’s SocialGarden Business videos of smm & B2B: – you must be doing an awesome job as he is pointing towards you.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s