Eine (Sprach)insel mit zwei Bergen – über das traurige Drama einer Kultur!


“Wir sind die Gallier der Schweiz”

Wir befinden uns im Jahre 2010 n. Chr. Ganz Graubünden ist von den Deutschen besetzt … Ganz Graubünden? Nein! Ein von unbeugsamen Schweizern bewohntes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Die neue deutsche Welle

Aufgehts zum Kühemelken!

Aufgehts zum Kühemelken!

Was Asterix und Obelix im Jahre 50 v. Chr zustieß, ist auf keinen Fall Schnee von Gestern. Denn hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen versteckt sich nicht Schneewittchen, sondern die Graubündner! Die neue deutsche Welle rollt auf sie zu, reißt schweizer Berge nieder, überschwemmt Täler und macht dem Rätoromanischen den Gar aus. Ein mancher Schweizer in Genf oder Bern mag sich den Teufel um das Rätoromanische – die vierte Landessprache der Schweiz – scheren.

Als Backpackerin zum Ziegenhüten

Letzten Sommer hab ich mir meinen Rucksack und meine Wanderstiefel vom Speicher gepackt und bin los gezogen. Immer gen Süden. Graubünden in der Schweiz entgegen, um einen Monat lang Kühe zu melken, Ziegen zu hüten und Heu vom Berghang bei 30 Grad im Schatten auf einen Wagen zu hieven.

Und: Um der Rätoromanische Sprache auf den Grund zu gehen. Ich wollte es wissen! Ich wollte eine Antwort auf diese Frage finden: Ist die rätoromanische Sprache in Graubünden dem elenden Untergang geweiht?

Viva la lingua rumantscha – Hoch lebe die rätoromanische Sprache!

(Ziegeneuter) - Seh die Dinge dochmal aus einem anderen Blickwinkel!

(Ziegeneuter) - Seh die Dinge dochmal von einem anderen Blickwinkel!

Ich wollte diese Sprache nicht erkunden. Ich wollte diese Sprache erleben! Und wie erlebt man eine Sprache? Indem man mit den Sprechenden spricht, lebt, isst, arbeitet und diskutiert. Eine Sprache und eine Kultur erlebst Du nicht in einer Jugendherberge oder einem 5-Sterne Hotel in St. Moritz.

Und so reiste ich von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, und klopfte an so manche Tür. Oftmals wurde ich abgewiesen. Aufgeben? – Passt mir ja gar nicht in den Kram. Mein innerer Schweinehund hat da mal gar nix zu melden! Denn mit einem Lächeln und einer Portion Hartnäckigkeit hab ichs immer geschafft, mich durchzubeißen.

Mit Pfeil und Bogen stellen sich zum Kampf

Sie sind die Helden der Nation: mehr oder weniger 35.000 tapfere (muttersprachliche) Rätoromanen, die die Flinte nicht tatenlos ins Feld werfen – möge die Invasion der deutschen Sprache auch gnadenlos sein. Auch wenn man wohl heutzutage auf der Straße “Las Turnschuhas” hört, so ist Rätoromanisch die Sprache des Herzens. Deutsch ist Überlebenssprache. Mehr Notwendigkeit als Vergnügen! Siehe da, das Rätoromanische wacht aus dem Dornröschenschlaf auf. Es zeigt sich munter und mit Kämpfergeist gegenüber dem Angriff der deutschen Worte: Die Jugendlichen schämen sich nicht mehr wegen ihrer Sprache! Im Gegenteil, sie sind stolz auf ihre kulturelle Schatzkammer. Zurecht!

Das Comeback einer Sprache?

Es war einmal ein Geißenjunge namens Peter. Der lebte zufrieden mit seiner Heidi und seiner Ziege Gundula auf einer Alp im Herzen Graubündens. Da begab es sich zu jener Zeit, dass er einst Menschen auf Holzbrettern die Pisten hinunter fahren sah. Und auf einmal viel es unserm Peda wie Schuppen von den Augen. Er verkaufte Gundula und baute auf seiner Alp ein Schihotel. Nach und nach ließen sich immer mehr Urlauber vom Zauber des Engadins locken und verblieben ein paar Tage in Peters Schihotel – in St. Moritz. Bald kamen sie in Scharen und in großen Karossen. Aus Deutschland und aller Herren Länder. Sie lösten so manche Sprachlawine aus und begruben das Rätoromanische unter sich. Und wenn sie nicht gestorben sind, so kümmern sich der ZiegnPeda und seine Heidi noch immer um die Extrawürste ihrer Wellness- und Schigäste.

Leise Klänge in Zeiten großer Töne

Ich tische Euch hier kein Märchen auf! Mag das Rätoromanisch zwar in St. Moritz oder Davos ausgestorben sein, so lebt es doch im Herzen anderer Rätoromanen in Dissentis, Zernez oder Andeer weiter. In ursprünglichen Orten, wo sich ein wahrer ZiegnPeda heute noch wohlfühlen würde, leibt und lebt das Rätoromanische noch heute. Sei es im Kindergarten, am Arbeitsplatz, in der Kirche oder in der Jugendsprache. Dort hat das Rätoromanische dem Deutschen trotzig den Rücken gekehrt. Que será, será, whatever will be, will be! Die Zukunft der Rätoromanen liegt nach wie vor im Ungewissen.

Und die Moral von der G’schicht

Doch warum sind nun 35.000 Schweizer in Lebensgefahr? – Sprache ist Kultur. Kultur ist Sprache. Raubst Du Menschen ihre Sprache, so beraubst Du sie ihrer Kultur. Du nimmst ihnen den Lebensatem, den Lebenssinn und so manchen (gedanklichen) Rückzugsort. Du brichst Ihnen das Rückgrat, löscht ihre Vergangenheit, zerstörst ihre Gegenwart und schlägst ihre Zukunft in Scherben.

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Über Kathrin

passionierte Liebhaberin der Sprache und ihrer Mythen
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6 Antworten zu Eine (Sprach)insel mit zwei Bergen – über das traurige Drama einer Kultur!

  1. katyy schreibt:

    interessanter Artikel, dass du hier uns schreibst..
    ist auch schade, dass diese Sprache bald sterben wird.. ich hoffe, dass die Rätoromanen für ihre Sprache stark kämpfen werden..

    • Kathrin schreibt:

      Hey Katyy,

      Danke für Deinen Beitrag.
      Ich denke allerdings nichts, dass diese Sprache bald sterben wird.
      Im Engadin, wie z.B. in St. Moritz, mag sie zwar schon ausgestorben sein, aber in der Surselva oder im Münstertal in Graubünden ist das Rätoromanische mehr verbreitet als das Deutsche.
      Und das ist gut so!
      Ich denke durchaus, dass das Rätoromanische eine Überlebenschance hat.
      Früher waren sich einfach die Menschen nicht so sehr ihres kulturellen Erbes bewusst. Aber dieses Bewusstsein kommt jetzt mehr und mehr auf. Man möchte diese Sprache erhalten, denn mit ihr leibt und lebt eine Kultur.
      Es wäre schon schade, würde diese Sprache zugrunde gehen.

      Viele Grüsse
      Kathrin

  2. Ervin schreibt:

    Bien di Kathrin

    Jeu anflel Tia contribuziun fetg buna ed interessanta. Interessant ein era las cumparegliaziuns denter la Surselva e l’Engiadina Aulta. Jeu creiel che nus stoppien svegliar en nos cumpatriots la schientscha per l’impurtonza da lungatg, cultura e cuntrada. Fai aschia vinavon.

    Übersetzung

    Ich finde Deinen Beitrag sehr gut und interessant. Interessant sind auch die Vergleiche zwischen der Surselva und das Oberengadin. Ich glaube, dass wir in unseren Mitbewohner das Bewustsein über die Wichtigkeit von Sprache, Klutur und Landschaft wecken müssen. Mach weiter so und eine schöne Zeit in Madrid.

    Cordials salids
    Ervin

  3. Annette S. Kemp schreibt:

    Und: Um der Rätoromanische Sprache auf den Grund zu gehen. Ich wollte es wissen! Ich wollte eine Antwort auf diese Frage finden: Ist die rätoromanische Sprache in Graubünden dem elenden Untergang geweiht?

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